Wirtschaft

Aufruhr der Aktienmärkte: Nach der Krise ist vor der Krise

Die sich abzeichnende Finanzkrise, die im Wesentlichen durch den Vertrauensverlust der Anleger in Staatsanleihen ausgelöst wurde, scheint sich weiter zu zuspitzen, auch wenn der deutsche (DAX) und der US-Amerikanische (Dow-Jones) Aktienindex sich anscheinend von den gestrigen Kursverlusten zu erholen erscheinen. Grund für die gestrigen Panikverkäufe ist oberflächlich gesehen der Aufruf von EU-Kommissionspräsident Barroso, der eine Aufstockung der Summe des so genannten Rettungsschirmes der EU (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) forderte, immerhin eine Summe von 440 Milliarden Euro. Doch Anleger befürchten, dass die Verschuldung einiger Euro-Staaten, wie Spanien, Italien oder Griechenland, weitaus größere Summen erfordern könnte, prompt schossen die Zinsen für italienische Staatsanleihen auf 6,1 %, also deutlich zu hohe Zinsen als das Italien sich weiterhin zu moderaten Konditionen refinanzieren (also verschulden) kann.

Die Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten scheint viele Anleger vorerst beruhigt zu haben, die Zahlen fielen deutlich besser aus als viele Analysten erwartet hatten. Die offizielle Arbeitslosenquote in den USA ist um 0,1 % auf nun 9,1 % gesunken, viele Anleger koppeln ihre Aussicht des Konsums an die US-Arbeitsmarktdaten. Am gestrigen Tag verzeichnete der Dow-Jones den höchsten Kursverlust seit 2008, praktisch alle Zuwächse, die in diesem Jahr erzielt werden konnten, verfielen in wenigen Stunden.

Auch wenn die Panikverkäufe momentan abgeflaut sind, die wirklichen Gründe, die immens hohen Staatsverschuldungen der USA und der Euro-Länder und die Frage zur Refinanzierung, bestehen weiterhin. Praktisch haben die Notenbanken der USA und der EU (EZB) angefangen, Geld zu drucken, dementsprechend steigt der Inflationsdruck. Eigentlich müsste die EZB diesem mit einer Zinserhöhung begegnen, kann dies aber nicht aufgrund der aktuellen Lage. Andere Staaten, wie Japan, müssen nun ihrerseits Maßnahmen einleiten, um eine Geldaufwertung der eigenen Währung (weil im Vergleich mehr Dollar und Euro gedruckt werden) zu vermeiden, da dies dem eigenen Export schaden könnte. Damit wird ein „Kalter Währungskrieg“ angefacht, der Streit um die Aufwertung des Renminbi (chinesische Währung) erscheint nun in einem anderen Licht.

Die EZB hat überdies angekündigt, Bonds (also Schuldscheine) Italiens und Spaniens aufzukaufen, eine Maßnahme die explizit nicht im EU-Vertrag festgehalten wurde, im Grunde finanziert die EZB die Staatsverschuldung einiger Euro-Staaten. Setzt man die Staatsverschuldung der USA (derzeit bei 14.000 Milliarden Dollar) in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (2010 bei 14.526 Milliarden Dollar), kommt dies einer Verschuldung einer Jahreswirtschaftsleistung gleich, jede Bank würde bei privaten Schuldennehmern ohne Zögern einen Kredit dieser Größenordnung genehmigen. Doch die Bank würde keinem Gläubiger noch mehr Geld zustecken, damit die Zinsen der alten Verschuldung beglichen werden können, genau dies tun aber Staaten. Darüber hinaus müssen die Schulden, die Staaten immer wieder ausschreiben, auch Abnehmer finden, wenn diese aber verunsichert sind, müssen höhere Zinsen diese überzeugen, die Spirale dreht sich schneller weiter.

Im Grunde wird es nicht ausbleiben, dass ein Schuldenschnitt bei den meisten Staaten stattfinden muss, dies bedeutet den Verlust der Einlagen der Investoren. Dies versuchen die Staaten möglichst lange zu vermeiden, das Vertrauen möglicher Anleger wird damit sicherlich nicht gestärkt, die Blase wird dabei nicht unbedingt kleiner. Harte Sparmaßnahmen sind auch wenig sinnvoll, der Binnenkonsum wird abgeschwächt. Das eigentliche Dilemma: gespartes Geld wird nicht ausgegeben, also nicht konsumiert und damit dem Wirtschaftskreislauf zugefügt. Sparanlagen können nicht ins Unendliche wachsen, der Gegenwert muss irgendwann vom Gläubiger erbracht werden. Wenn der jährliche Umsatz auf den Finanzmärkten die wirkliche Weltproduktion pro Jahr um das 80 fache übersteigt, ist dies kein Ausdruck für die so genannte Abkopplung von der Realwirtschaft, sondern vielmehr Zeugnis der Sparwut von Anlegern und Investoren (in der Volkswirtschaftslehre spricht man von Konsumverzicht, wenn man von Investitionen spricht), die das Geld zuvor irgendwie und irgendwo verdient haben. Dies führt auch dazu, dass 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt täglich weniger als zwei Dollar zur Verfügung haben (wenn Jemand mehr hat, haben Andere dafür weniger, dank der doppelten Buchführung). Ergo: Nach der Krise ist vor der Krise.



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