Gesellschaft

Das Medienecho in Deutschland zum Start des Tiangong 1- oder wie die bösen Chinesen die bösen Russen verdrängten

Jeder Mensch braucht ein Feindbild, scheint manchmal die Haltung der Medien in Deutschland zu lauten, nach dem schon längst angekündigten Start des Tiangong 1 Moduls überhäufen sich die Schlagzeilen und wetteifern zeitgleich mit euphemistischen Beschreibungen, als das man annehmen muss, die Journalisten seien zum Konfuzianismus übergetreten. Oder sie sind wortgewaltig und witzig, so wie eine Schlagzeile des Senders N-TV, der auf seinem Onlineauftritt ganz gewitzt verkündet, „Langer Marsch ins All: China startet seinen Himmelspalast“. Die Trägerrakete der chinesischen Raumfahrtbehörde heißt Chángzhēng (Langer Marsch) und das erste Stück der geplanten Raumstation heißt Tiangong (Himmlischer Palast), verstehen sie? Ganz schön gewitzt diese Journalisten.

Spiegel Online weiß gar zu berichten, „Peking feiert seine All-Machts-Phantasien“. Diese Chinesen verpulvern Milliarden Dollar, nur um ihre Allmachtsfantasien auszuleben, unerhört. Dabei weiß doch jeder, dass man diese Milliarden lieber zur Bankenrettung verpulvert, haben denn die allmachtsfantasiegeplagten Chinesen kein Pendant zur HRE? Der gewiefte Becker, aus dessen Feder dieser interessante Beitrag stammt, weiß ferner zum  Start des Tiangong 1 zu berichten, „mit ernsthafter Forschung hat der Coup wenig zu tun – dafür umso mehr mit innenpolitischem Kalkül und außenpolitischer Machtdemonstration.“ Schließlich hat man der westlichen Raumfahrt immerhin die Teflonpfanne zu verdanken, und viele, viele anderen Sachen. Mit Prestige oder innerpolitischem Kalkül hatte die NASA/ESA nieeeee etwas am Hut. Nein, der Start der Sputnik oder die Raumfahrt von Gagarin hat keinen Wettlauf zum Mond ausgelöst und nach heutigen Maßstäben zig Milliarden Dollar verschlungen, wo denken sie hin?

Im selbigen Artikel weiß der Autor von der Einrichtung der chinesischen Raumfahrtzentrale zu berichten, nach Meinung des Autors leiden die Chinesen nicht nur an den besagten Fantasien, sondern zusätzlich noch am schlechten Einrichtungsgeschmack; diese Schufte! Dann aber nimmt der Artikel eine radikale Wendung, nach dem erfolgreichen Start von Taikonauten ins Weltall sei die Raumstation der nächste logische Schritt; ja was denn nun? Schließlich erklärt der Autor den somit völlig verwirrten Lesern, dass die bemannte Raumfahrt eh überflüssig sei; spätestens jetzt könnte man meschugge werden. Derart geht es weiter, Raumfahrt sei ein Dual-Use Produkt etc pp.

Der Antisatellitenraket der Chinesen, welcher 2007 erfolgreich an einem ausgedienten Satelliten ausgetestet wurde und der Weltraumvermüllung deutlich dienlich war, stieß damals wie heute auf internationale Kritik. Dabei hatten die Sowjets (UR-200, oder per Laser Terra-3) und die USA (High Virgo, Vought ASM-135 ASAT)schon ab 1960 Antisatellitenraketen mit atomaren Sprengköpfen. So gesehen waren die Chinesen noch menschlich. Der erfolgreiche Test der USA am 21. Februar 2008, diesmal nur mit einem konventionellen Sprengkopf (Standard Missile 3), stieß dabei auf wenig Resonanz in den hiesigen Medien. Gerade die USA und Russland haben den meisten Müll im Weltraum hinterlassen, bedingt durch ihre Führerschaft in der Raumfahrt.

Warum gerade die chinesische Raumfahrt, die sehr wohl ambitioniert daher kommt und ebenso wie die der anderen Nationen auch militärisch genutzt wird, so sehr auf die Skepsis der hiesigen Medien stößt, bleibt fragwürdig. Ist es die Angst vor der aufstrebenden Supermacht? Oder passt das Bild einer hochtechnologischen Gesellschaft nicht mehr überein mit dem Bild von reisanbauenden und –essenden, rückständigen Chinesen? Oder ist man gar eifersüchtig?  Oder brauchen wir nach den Russen nun ein neues Feindbild? Man weiß es nicht so recht.



Erstellen Sie den ersten Kommentar!

Kommentieren

Sie müssen eingeloggt sein um zu kommentieren.