Politik

Der Attentäter Anders Behring Breivik- Spiegelbild norwegischer Verhältnisse?

Das grausame Attentat von Anders Behring Breivik auf das Lager der Parteijugend der amtierenden Arbeiderpartiet auf der Insel Utoya mit bislang 68 getöteten und vermissten Kindern, und das Bombenattentat auf das Regierungsviertel mit acht Toten, hat große Bestürzung in der ganzen Welt ausgelöst. Breivik war bislang nicht straffällig auffällig, seine grausame Tat habe er nach eigenen Aussagen neun Jahre geplant, insgesamt habe er hierzu 300.000 Euro ausgegeben. Nach der Explosion im Regierungsviertel von Oslo, die auch das Büro des amtierenden Premierministers Jens Stoltenberg verwüstete, sei er mit einem Taxi in das 30 Kilometer entfernte Ferienlager der Arbeidernes Ungdomsfylking (AUF) gelangt. Dort habe er als Polizist verkleidet mit tödlichen Dum-Dum Geschossen das Feuer auf die Jugendlichen eröffnet. Spezialeinheiten der norwegischen Polizei konnten nach 90 Minuten Breivik widerstandslos festnehmen. Breivik wollte mit seiner Tat auf seine politische Motivation aufmerksam machen, dementsprechend bat der geständige Täter um eine öffentliche Verhandlung.

Der Mensch Breivik- unauffällig, und dennoch mit Geltungsdrang

Der 32 jährige Breivik entstamme aus wohlhabenden Verhältnissen, die Eltern hätten sich früh geschieden. In seiner Jugendzeit gehörte Breivik der Subkultur der Graffiti-Sprayer und der Hip-Hop Szene an, nach seiner Schullaufbahn mit Abiturabschluss habe Breivik erfolglos versucht, einen Online-Shop zu betreiben. 2009 ließ er offiziell eine Farm zum Anbau von Gemüse eintragen. Zu seinen Lieblingsbüchern zähle er Kafkas „Der Process“, Orwells „1984“  und Mills „On Liberty“. Zudem gelte Breivik als passionierter Jäger und Computer-Spieler. Ferner soll er der Freimaurer-Loge St. Olaus der drei Säulen (St. Olaus til de tre Søiler) angehört haben, einer christlichen Loge, die sich nach Bekanntwerden der Tat ausdrücklich von Breivik distanziert hat. Die Vita ist unauffällig. hierin unterscheidet sich Breivik nicht von anderen Attentätern wie Atta (9/11) oder Ted Kaczynski („Unabomber“). Dennoch ist Breivik von seiner „Mission“ überzeugt, er hat einen Geltungsdrang, er will seine Tat politisch einordnen lassen, wohlwissend wie sehr er dafür gehasst wird.

Der politische Mensch Breivik- ein Narzisst auf eigener Kreuzfahrt

Der politische Mensch Breivik war zwischen 1999 und 2006 Mitglied der norwegischen Fortschrittspartei (Fremskrittspartiet), er trat aus dieser aus, weil sie seiner Meinung nach sich den „Kulturmarxisten“ ergeben hätten. Die Fortschrittspartei gilt als rechtspopulistische Vereinigung und läßt sich am ehesten mit der österreichischen FPÖ vergleichen. Sie tritt für eine liberale Wirtschaftsordnung ein, will aber die Imigration bekämpfen. Seit Ende der 90er kann sie hohe Stimmenanteile bei den Wahlen erringen, in den letzten norwegischen Parlamentswahlen kam die Partei auf ihr bislang bestes Resultat mit 22,9 % aller abgegebenen Stimmen. Damit ist sie die zweitgrößte Partei im norwegischen Parlament. Auch sie distanziert sich ausdrücklich von Breivik und nennt die Geschehnisse eine nationale Tragödie. Nach seiner Mitgliedschaft in dieser Partei versuchte Breivik im Internet, auf Foren so genannter Islamkritiker, seinen Fingerabdruck zu hinterlassen. So verfasste Breivik auch ein „Manifest“, welches 1500 Seiten umfassen soll, das er kurz vor der Tat auch im Internet verschickte. Neben Auszügen aus dem „Manifest“ von Kaczynski (gegen die Technologie gerichtet) versuchte Breivik hier sein Weltbild aufs Papier zu bringen. Danach würden die Kulturmarxisten den Untergang des christlichen Europas herbeiführen. Mit Kulturmarxisten meint er alle konventionellen Gruppierungen, also auch Sozialdemokraten, Liberale und Wertekonservative, die nicht genug gegen die vermeintliche Islamisierung Europas unternehmen würden. Ausgestattet mit einem Sendungsbewußtsein trat Breivik an seine Tat heran, er opferte sich selber als „Märtyrer“ seiner gerechten Sache, die getöteten und wehrlosen Kinder starben quasi als unabdingliches Nebenprodukt, um sein Anliegen zur Geltung zu bringen.

Der Täter Breivik- Ausdruck der anti-islamischen Strömungen?

In Norwegen werden offiziell 1,6 % der Gesamtbevölkerung der islamischen Religion zugerechnet. Trotzdem erfreut sich die Fortschrittspartei allgemeiner Beliebtheit. In ganz Europa verzeichnen „Islamkritiker“ regen Zulauf, zum Teil bedingt durch die Anschläge diverser islamistischer Terrorgruppen, aber auch wesentlich ausgelöst durch allgemeine Ressentiments, die endlich einen Ausdruck gefunden zu haben scheinen. Die so genannten Islamkritiker haben wenig gemein mit wirklicher Religionskritik, vielmehr wird der heterogenen Religion „Islam“ und deren Anhängern pauschal unterstellt, sie würden ständig versuchen die Gesellschaften des Westens zu unterwandern (Islamisierung). Folgerichtig ist, dass der Islam und das Christentum (katholisch und evangelisch) großen Wert auf eine Verbreitung ihrer Religion legen, anders als in der jüdischen Religion, der prompt vorgeworfen wird Menschen auszuschließen. Gerne werden Horrorszenarien heraufbeschworen, dass Frauen in Europa in Zukunft Kopftuch tragen müssen etc. Dieses Bild negiert zweierlei: zum Einem wird die Macht der nationalen Regierungen bewusst klein geredet, oder ihre „Machenschaften“ als Helfershelfer zielen gleich auf eine Zerstörung der „nationalen Identität, und zum Zweiten, dass jeder Mensch mit Herkunft aus einem islamischen Land den ganzen Tag nichts zu tun hat, außer zu überlegen wie er seine Mitbürger zwangsbekehren kann. Dumpfe Pauschalisierung, die Angst vor undefinierbaren Invasoren, das Gefühl alleine gelassen zu werden von der eigenen Regierung, sich einem übermächtigen Feind entgegenzustellen, dies sind wiederkehrende Elemente rassistischer Weltanschauungen. Die wenigsten „Islamkritiker“ verstehen sich als nationale Sozialisten (Nazis) und distanzieren sich ausdrücklich hiervon. Mit der Unterstellung, dass eine gesamte Religion (mit internen Konflikten zwischen Sunniten, Schiiten, Ismailiten, Alewiten etc. pp) als feindlich einzustufen ist, und unter bewusster Nichtberücksichtigung anderer Faktoren (wie Sozialisation, Millieuforschung etc.), teilen die Islamkritiker einen perfiden Rassismus mit humanistischem Anstrich. Ihren Ausdruck findet diese Welle in Deutschland in einem Sarrazin, dessen Thesen von Wissenschaftlern widerlegt sind, in der Schweiz im Verbot der Minarette, in den Niederlanden in der Partei von Pim Fortuyn usw. Zur Kritik gegen Sarrazin bemühen die Islamkritiker zuweilen gerne das Bild der Bücherverbrennung während der Nazi-Zeit, also quasi ein antifaschistisches Argument für ein rassistisches Buch. Man dürfe die eigenen Vorurteile nicht einmal aussprechen, die „Medien“ (als Singular!) berichteten nur Falsches und Verharmlosendes, ständig versuchte man diese Kritiker mundtot zu machen. In ganz Deutschland wurde seit der Veröffentlichung von Sarrazins Buch keine einzige Bücherverbrennung veranstaltet, kein Islamkritiker aufgrund seiner Überzeugung inhaftiert, und kein „Wirtschaftsflüchtling“ (trotz Hungerkatastrophe in Somalia) mehr aufgenommen, als unbedingt notwendig. Anders Behring Breivik ist ein Ausdruck dieser antiislamischen Strömung, ein statistischer Ausreißer, der die rechtspopulistische Fortschrittspartei als zu lasch befand, aber ihre eigentlichen Werte teilt, bis zum Tod unschuldiger Kinder. Dies wissen auch die so genannten Islamkritiker und beeilen sich deswegen, sich von Breivik zu distanzieren.

 



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