Gesundheit

Komakiffen: Die Mär der Medien

Komakiffen und Komasaufen verursachen x-Klinikaufenthalte in Krankenhäusern, so oder ähnlich geifern die meisten Medien über das Konsumverhalten von Alkohol und Cannabis der Jugendlichen von 15 bis 25 (!) Jahre, berufend auf einen Bericht des Statistischen Bundesamtes Diagnosedaten der Patienten und Patientinnen in Krankenhäusern. Dabei darf es auch nicht verwundern, dass im allgemeinen Bericht über Krankenhausaufenthalte, in ellenlangen Tabellen, ausgerechnet die Zahlen der Krankenhausaufenthalte zum Komasaufen und „Komakiffen“ herausgefischt werden. Der Ton ist dabei nicht sachlich, so werden Alkohol und Cannabis in einen Topf geworfen, der Zusammenhang ist rein moralisch. Demnach sind 2010 über 5000 Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden, immerhin 566 Jugendliche hätten eine „akute Cannabis-Vergiftung“ erlitten, bei 415 sei vorübergehend eine psychotischen Störung eingetreten.

Vorneweg, Cannabis ist eine Droge, Punkt. Missbrauch und Konsum sind zu unterscheiden, und im Gegensatz zur Annahme vieler „Kiffer“ besteht sehr wohl ein Suchtpotential. Hierbei kommt es darauf an, wie man eine Statistik liest. Schon in den 60ern stellte man fest, dass überproportional viele Kiffer psychotische Veranlagungen aufwiesen. Daher nahm man an, dass Cannabis Psychosen auslöst. Oder man liest die Statistik anders herum, Menschen mit einer psychotischen Veranlagung greifen eher auf Cannabis zurück, gewissermaßen als falsch verstandene und unbewusste Selbstmedikation. Dieser Ansatz wird in der (progressiven) wissenschaftlichen Diskussion verfolgt. Eine Cannabis-Vergiftung in der Form ist nicht existent, um an Cannabis-Konsum zu sterben, müsste man raue Mengen konsumieren, doch bis dato schläft man schlicht ein. Oder dem Konsumenten wird schlecht, der Kreislauf sackt ab (bricht aber nicht zusammen), bei hoher Dosierung wirkt Cannabis hallizunogen. Bislang ist weltweit kein einziger Fall evident, wonach ein Mensch an den direkten Folgen des Cannabis-Konsums verstorben wäre.

So wird eine Aufreihung von Zahlen, also die pure Statistik, als Argument für oder gegen Cannabis verwendet. Soziale Faktoren, Set (die persönliche Einstellung) oder das Setting (Umgebungsfaktoren) bleiben unerwähnt. Die urbane Legende, wonach die Mutter ungewollt an den Haschkeksen ihres Sohnes nascht und dann im Krankenhaus landet, spiegelt eine Tatsache wieder: Ein Mensch, der nichtsahnend einer berauschenden Substanz ausgesetzt wird (also ein völlig falsches Set hat), landet schlichtweg im Krankenhaus. Und eine unausgereifte Person, wie Kinder (wobei das genaue Alter eher sekundär eine Rolle spielt), kann mit einer Droge (egal welcher) nicht umgehen. Doch all dies interessiert die meisten Medien nicht, man befindet sich schließlich auf einem Kreuzzug wider Unordnung und für die „Volksgesundheit“. Dabei stellt die Illegalisierung von Cannabis ein Problem dar; kein Dealer wird nach dem Personalausweis seiner Kunden fragen, um das genaue Alter zu erfahren. Der Schwarzmarkt kennt seine eigenen Regeln, auch Cannabis wird teilweise gestreckt (z.B. mit Brix, einer Mischung aus Zucker und Kunststoffen!), eine ernsthafte Gefährdung der Gesundheit.

Weiterhin wird Suchtverhalten an sich wenig bis gar nicht sachlich diskutiert, oder gar völlig aus dem Kontext gerissen. So kann etwa ein banales Thema wie Nahrungsaufnahme zu einem Suchtverhalten in beide Richtungen führen (Esssucht vs. Magersucht, bzw. Bulimie), doch kein Journalist wäre so blöd, ein Verbot von Nahrungsmitteln zu fordern. Die Person mit der Essstörung hat direkte Gründe für das „Fehlverhalten“, diese zu ergründen ist Aufgabe von Therapeuten. Dasselbe gilt für Menschen mit einer Drogenerkrankung. Moralisch geifernde Journalisten helfen wenig dabei. Und das Ziel der ganzen Schmierenkomödie, den Drogenkonsum bei Jugendlichen wenigstens zu minimieren, scheitert täglich aufs Neueste; das so genannte „Crystal“ (oder Methamphetamin) lässt grüßen, das Bundesland Sachsen wird geradezu überschwemmt. Dazu kommen die synthetischen Ersatzdrogen (z.B. Spice statt Cannabis), eine Freude für jeden Hobbychemiker, wenn Zoll und Polizei die konventionellen Drogen abpassen. Aufklärung sieht anders aus, kein Lehrer an den Schulen ist umfassend über aktuelle Drogen informiert, noch weniger verstehen sie die „Drogenkulturen“ (Bier im Bayernzelt vielleicht noch, Extasy auf Rave-Veranstaltungen kaum noch etc.). Auch der erhobene Zeigefinger schindet wenig Eindruck bei Jugendlichen, und wenn härtere Strafen helfen würden, würde die Todesstrafe auf Drogenhandel in Ländern wie China und Iran diesen dort unterbinden, die Realität sieht aber anders aus, im Iran existiert beispielsweise ein ernsthaftes Heroin-Problem. Die Aktion „Keine Macht den Drogen“ ist gerade in Sportvereinen heuchlerisch, spätestens dann, wenn nach dem Spiel der Bierkasten in der Umkleidekabine hervorgeholt wird. Deutschland (und die Welt) hat ernsthafte Drogenprobleme, Alkohol, Medikamente (Schmerzmittel ahoi! Bei allen möglichen Weh-Wehchen, so wie wir es von Kindheit an erlernen) und Nikotin, dann kommen die Substanzen, bei denen die Journalisten ausflippen, wiewohl der ein oder andere selber gerne „nascht“. Eine sachliche Diskussion sieht anders aus, aber Hauptsache man ist auf der richtigen Seite der Moral. Na dann Prost!



3 Kommentare zu “Komakiffen: Die Mär der Medien”

Kommentieren

Sie müssen eingeloggt sein um zu kommentieren.