Wirtschaft

Kriselnde Schwellenländer gefährden Euro-Zone

Die Unsicherheit in den Schwellenländern wächst. Jetzt warnt EZB-Chef, dass dadurch auch die Euro-Konjunktur bedroht sei. Daher ist die Erholung der Wirtschaft im Euro-Raum „immer noch fragil“.

Gern hätte EZB-Chef Mario Draghi ein positiveres Bild präsentiert und von ersten, ermutigenden Signalen für einen Aufschwung in der Euro-Zone berichtet. Denn der Präsident der Europäischen Zentralbank musste vermitteln, warum sich die Notenbank trotz sehr niedriger Inflationsraten, gegen eine erneute Herabsenkung der Zinssätze entschieden hatte.

Doch die jüngsten Marktturbulenzen rund um den Globus machten dies unmöglich. „Die Unsicherheit in den Schwellenländern hat das Potenzial, die Wirtschaftsbedingungen zu verschlechtern“, so Draghi.

Schwellenländer außerhalb der Kontrolle der EZB

Draghi betonte zwar, dass die Situation dieser Länder nicht der Kontrolle der EZB unterliege, dennoch könnte es Rückwirkungen für die Euro-Zone geben. Genauso wie eine schwache Binnennachfrage und verschleppte Strukturreformen, könnten auch sinkende Exporte die Euro-Wirtschaft ernsthaft bedrohen.

Immer noch sei die Erholung der Wirtschaft in der Euro-Zone „fragil“, wie Draghi betonte. Gerade deswegen und aufgrund einer Inflationsrate von nur noch 0,7 Prozent, hatten zuletzt auch zahlreiche Ökonomen für eine weitere Zinssenkung plädiert. Und das obwohl der Leitzins bereits auf einem Rekordtief von 0,25 Prozent steht.

Trotzdem ist die Teuerungsrate bereits seit mehreren Monaten weit entfernt vom Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank. Hintergrund: Tendiert eine Inflationsrate gen Null, gilt dies als äußerst kritisch, weil bei fallenden Preisen eine kaum mehr zu stoppende Abwärtsspirale der Wirtschaft droht.

Auf niedrige Teuerungsraten einstellen

Die EZB und insbesondere auch deren Chef Draghi, sehen diese Gefahr offenbar noch nicht: „Gibt es eine Deflation? Die Antwort ist nein.“ Man müsse sich lediglich auf sehr niedrige Teuerungsraten einstellen, bis sich die Inflationsraten wieder in Richtung des von der EZB ausgegeben Ziels bewegen würden.

Parallelen zu den 90er-Jahren, als es eine Deflation in Japan gegeben hatte, sieht Draghi nicht. Da sich die Konjunktur wieder erholt, seien keine weiteren Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur notwendig. Allerdings se dies auch nur eine Momentaufnahme. „Der Grund, warum wir heute nicht gehandelt haben, ist, dass wir noch mehr Informationen brauchen“, so der EZB-Präsident.

Aktuelle Prognosen zur Inflation, zum Wachstum und zum Arbeitsmarkt erwartet die EZB Anfang März: “ „Dann haben wir erstmals einen Ausblick bis 2016. Das ist eine signifikante Änderung für unsere Analyse.“ Laut Angaben von Draghi seien sich die Mitglieder des EZB-Rats darüber einig gewesen, dass es sinnvoller sei, die neuen Daten abzuwarten.

EZB will neue Daten Anfang März abwarten

Der EZB-Präsident ließ offen, wie dann die Entscheidung ausfallen wird. Viele erhofften sich Aussagen und Hinweise auf eine anstehende Erholung. Doch Aussagen hierzu vermied Draghi. Allerdings ließ der Italiener keine Zweifel an der Entschlossenheit der Europäischen Zentralbank aufkommen, sollte sich die Lage weiter verschlechtern. „Wir werden entschieden handeln, wenn es nötig sein sollte“, sagte er unmissverständlich.

Und die Risiken für einen weiteren Abwärtstrend sind weiterhin allgegenwärtig. Der anstehende Finanztest bei den wichtigsten Kreditinstituten der Euro-Zone, wird aller Voraussicht dazu führen, dass die Banken weniger Kredite vergeben, um die Risiken zu minimieren. Mittelfristig würde die Überprüfung die Banken dann aber stärken.

Nicht zu unterschätzen sei auch die Unsicherheit über die Entwicklung der Märkte in Asien, Lateinamerika und anderen Wachstumsregionen. Die Währungen einiger wichtiger Schwellenländer wie Brasilien, Indien und auch der Türkei waren zuletzt zunehmend unter Druck geraten, aufgrund der straffen US-Geldpolitik.

US Geldpolitik setzt Währung von Schwellenländern unter Druck

In der Folge stemmten sich viele Notenbanken durch Zinserhöhungen dagegen. Die Krise ist begründet in der Kapitalflucht aus den Schwellenländern zurück in die USA. Die amerikanische Fed hat unlängst damit begonnen die monatlichen Kapitalspritzen zu vermindern. Durch steigende Renditen werden Anlagen in den USA somit wieder attraktiver für mögliche Investoren.

Rainer Sartoris, Analyst bei der Privatbank HSBC Trinkaus, zu den Aussagen des EZB-Präsidenten: „Draghi hat zwar gesagt, dass die Inflation niedrig bleibt, aber gleichzeitig auch kein Deflationsszenario für die Euro-Zone gemalt. Der Hinweis, dass die EZB kurz davor steht, irgendwas zu machen, blieb aus.“

Auch für Ralf Umlauf von der Landesbank Helaba ist nicht zwingend erforderlich, dass die EZB geldpolitisch demnächst noch einmal eingreift. „Akuter Handlungsdruck scheint nicht zu bestehen. Mithin ist eine weitere Lockerung der Geldpolitik in den kommenden Monaten keine ausgemachte Sache.“

Zeit für unkonventionelle Maßnahmen?

Außerdem stelle sich nicht nur die Frage ob, sondern auch in welcher Art und Weise, die EZB gegebenenfalls handeln sollte. „Die EZB hat sich einmal mehr alle Optionen offen gelassen“, so Alexander Krüger, Chefvolkswirt beim Bankhaus Lampe. Voraussichtlich werde eine neuerliche Zinssenkung auch nur wenig bewirken. Vielmehr könnten unkonventionelle Maßnahmen, wie Langfristkredite für Banken, dann eine Option sein.

Des Weiteren besteht die Möglich, bestimmte Abschöpfgeschäfte, die frühere Staatsanleihenkäufe ausgleichen sollen, außer Kraft zu setzen. Auch die sonst eher zurückhaltende und konservative Bundesbank hatte zuletzt Bereitschaft für einen solchen Schritt signalisiert. EZB-Präsident Draghi betonte, dass dies lediglich eine von vielen Möglichkeiten sei, wollte sich aber nicht festlegen.



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