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Pharmaunternehmen benutzten DDR-Bürger als „Versuchskaninchen“

Aus Westdeutschland stammende Pharmaunternehmen haben nach einem Zeitungsbericht und nach Erkenntnissen des MDR in der Zeit zwischen 1983 und 1989 in großem Umfang neue Arzneimittel an DDR-Bürgern ausprobiert und DDR-Bürger damit offenbar als „Versuchskaninchen“ regelrecht missbraucht.

Insgesamt sollen 50 Unternehmen aus der Bundesrepublik Deutschland an den Versuchen beteiligt gewesen sein. Wie der Berliner “Tagesspiegel“ berichtet, sollen in dem Zeitraum insgesamt 165 Studien beim damaligen DDR-Gesundheitsministerium beantragt worden sein. Demnach zahlten die Pharmaunternehmen teilweise für eine Studie bis zu 860000 D-Mark. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass die Studien in ostdeutschen Krankenhäusern in vielen Fällen ohne Wissen der Patienten durchgeführt wurden.

Pharmaunternehmen: Studien erfolgten nach damaligen Standards

Mittlerweile haben mehrere damals an den Studien beteiligte Pharmaunternehmen erklärt, dass eine Aufklärung und schriftliche Einwilligung der Patienten vorgesehen war. Zudem erfolgten die Studien unter Einhaltung damaliger Standards. Zu den beteiligten Unternehmen gehörten Größen wie Hoechst, Boehringer Ingelheim, Gödecke und Bayer sowie Schering. Hoechst ist heute in Sanofi aufgegangen, Bayer und Schering sind zwischenzeitlich fusioniert worden. Derzeit nicht bekannt ist, inwieweit westdeutsche Behörden in die damaligen Arzneimittelversuche involviert waren. Der “Tagesspiegel“ berichtet, dass der damalige Präsident des Bundesgesundheitsamtes, Dieter Großklaus, keine Kenntnis von den Versuchen gehabt haben will.

Rita Süssmuth (CDU): Keine Kenntnis von Vorgängen gehabt

Auch die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) hatte gegenüber dem MDR erklärt, dass diese von den Vorgängen keine Kenntnis hatte. Derweil forderte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, die beteiligten Pharmaunternehmen zu einer umfassenden Aufklärung auf.

Die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) spricht sogar von einem “besonders drastischen Fall von Skrupellosigkeit.“ Auch der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der CDU/CSU, Arnold Vaatz, äußerte sich empört und warf den Pharmaunternehmen “kriminelle Energie“ vor. Allerdings benutzten nicht nur Pharmaunternehmen DDR-Bürger als „Versuchskaninchen“, auch die Möbelbranche hat offenbar mit DDR-Bürgern Profit gemacht.

IKEA ließ Möbel durch DDR-Gefangene fertigen

Nach neuen Erkenntnissen wurden auch IKEA-Möbel in der DDR gefertigt. Die Möbel wurden damals durch Insassen von Gefängnissen produziert. So sind insbesondere Berichte aus dem früheren Sitzmöbelwerk im sächsischen Waldheim bekannt geworden, dass dort offenbar für das schwedische Möbelhaus gefertigt wurde. Bei den bekannt gewordenen Tatsachen stellt sich die Frage, wie skrupellos die Wirtschaft unter Duldung bzw. mit Billigung des damaligen SED-Regimes Menschen in der damaligen DDR für den eigenen Profit ausgenutzt hat?

Zudem stellt sich die Frage, inwieweit kapitalistische Unternehmen und „real sozialistische“ Staatslenker miteinander verbandelt waren? Sollten sich die Vorwürfe gegen die Pharmaunternehmen als Tatsache herausstellen, so dürfte dies bei betroffenen DDR-Bürgern, die sich als „Versuchskaninchen“ missbraucht fühlen, sicherlich den berechtigten Gedanken an mögliche Schadenersatzforderung aufkommen.



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