Newsticker

Wulff-Rücktritt: Medien als Moralapostel? – Oder kalkulierter Gewinn?

Bundespräsident Christain Wullf hat nach monatelanger Berichterstattung über seine Verfehlungen vor der Zeit als Bundespräsident sein Amt abgegeben. Das Fass zum Überlaufen brachte die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft Hannover die Immunität von Wulff aufheben will. Ausgelöst wurde die Affäre entgegen der nun in aller Munde stehenden Diskussion jedoch nicht von Wulff, sondern von den Medien.

Causa Wulff: Das Geschäft mit der angeblichen Moral

Durch die Berichterstattung der Bildzeitung im letzten Jahr, über den Hauskauf der Wulffs,wurde die mediale Aufmerksamkeit auf die Bildzeitung gelenkt und damit die Wulff-Affäre als auflagenstarkes Vermarktungsinstrument installiert. Unter dem Deckmantel die moralische Instanz Deutschlands zu sein, etablierte die Bildzeitung nahezu tägliche Berichterstattungen über die Causa-Wulff. Chefredakteure und stellvertretende Chefredakteure der Bildzeitung waren gern gesehene Talkgäste in diversen Fernsehformaten. Öffentlichkeit und Werbung für das eigene Blatt inklusive. Wulff wirkte zuletzt wie ein Getriebener. Jeder Journalist der etwas auf sich hielt, wollte auf den Enthüllungszug aufspringen und forschte nach weiteren Verfehlungen des Bundespräsidenten. Das Wulff Verfehlungen begangen hat, bestreitet niemand. Es stellt sich allerdings die Frage, ob und in welchem Maße diese Verfehlungen nicht auch bei den recherchierenden Journalisten zutage getreten wären. Mit geballter medialer Macht wurde den Bürgern das tägliche Nachrichtenprogramm vorgegeben und damit die mediale Meinung langsam in die Köpfe der Bevölkerung implantiert. Als die Affäre Wulff abzuflachen drohte, legten die Medien sofort nach und versuchten die Flamme der medialen Aufmerksamkeit durch weitere Belanglosigkeiten aufrecht zu halten. Zum Schluss musste sogar ein Bobycar als vermeintlicher Verfehlungsgrund herhalten. Die Journalistenzunft spielte derweil die 4. Instanz im Staat und gab vor, Moral und Anstand zu bewahren. Das Amt des Bundespräsidenten sei durch Wulff beschädigt worden, dass die Medien das Amt durch die Art und Weise der Berichterstattung jedoch selbst dauerhaft beschädigten ,wollten diese nicht eingestehen. Galt in früheren Journalistengenerationen noch die Würde des Amtes als Barriere der Recherche, nach dem Motto „So etwas tut man nicht“, wurde nunmehr mit Blick auf den eigenen wirtschaftlichen Erfolg oder mit Blick auf die eigene Karriere, versucht die Person Christian Wulff zu demontieren und als Karrierebooster zu benutzen.

Staatsanwaltschaft Hannover: Unschuldsvermutung gilt für jeden Bürger

Unter dem Deckmantel des vermeintlich moralischen Handelns wurde eine Vorverurteilung getroffen, die nunmehr wohl auch die Staatsanwaltschaft Hannover dazu bewogen hat, die Ermittlungen aufzunehmen. Festzuhalten bleibt jedoch, dass für Wulff wie für alle Bürger die Unschuldsvermutung gilt. Festzuhalten bleibt außerdem, dass ein Ermittlungsverfahren keine Vorverurteilung darstellt, sondern lediglich einen formalen Rechtsakt darstellt, der bei einem möglichen Anfangsverdacht immer  nachzugehen ist. Festzuhalten bleibt ebenso, dass das Amt an sich beschädigt wurde. Wulff mag Fehler begangen haben, diese sind nicht zu bestreiten, die größten Verfehlungen dürften sich jedoch die Medien zurechnen lassen, welche sich wie Hyänen auf einen Menschen gestürzt haben, um ihren wirtschaftlichen Nutzen aus Fehlern eines Menschen zu ziehen, unabhängig von der Zukunft desselben und der bisher geleisteten Arbeit.

Medien: Tod von PDS-Abgeordneten zu verantworten?

Die Rolle der Medien sollte in solchen Fällen auf den Prüfstand gestellt werden. Erinnert wird in diesem Zusammenhang an den PDS-Bundestagsabgeordneten, welcher durch eine wochenlange Hetzkampagne der Bildzeitung kurz nach der Wiedervereinigung in den Selbstmord getrieben wurde. Der Grund war damals die Stasi-Tätigkeit des Abgeordneten. Moralische Verantwortung für das vermeintliche Schreibtischtätertum der Bildzeitung hat bis heute kein Redakteur übernommen. Ebenfalls fraglich bleibt die Rolle der Medien in Bezug auf das Gladbecker Geiseldrama. Auch hier galt die Devise, „Was schert mich das Leben der Geiseln, wenn ich eine tolle Story bekomme“?

Bildzeitung: Story und Gewinn vor Moral gesetzt?

Die Verfehlungen Wulffs beziehen sich zudem allesamt auf Handlungen vor seiner Arbeit als Bundespräsident. Im Amte selbst sind Wulff keine Handlungen negativer Art nachzuweisen. Zudem was wäre, wenn die Bildzeitung nicht den Daumen über Wulff gesenkt hätte? Eine Rede gegen Integration hätte Wulff wohl im Amte behalten, zumindest nach der konservativen Sichtweise der Bild. Wulff wäre dann allerdings ein Bundespräsident unter Gnade der Bildzeitung gewesen. Allerdings wäre dann wohl keine der Verfehlungen je ans Tageslicht gekommen. Wulff hätte dann ja im Sinne der Bildzeitung gehandelt und da interessieren Verfehlungen nicht, da Wulff ja Bildzeitungskonform gehandelt hätte. In diesem Fall wäre die Lust auf Recherche gering gewesen, da die Bildzeitung durch Wulff ja weiter protegiert worden wäre. Insofern stellt seine Überzeugung einen Schnitt mit der „Moral der Bildzeitung dar und der Daumen musste aus Sicht der Bildzeitung gesenkt werden. Das Antike Rom und die den Löwen zum Fraß vorgeworfenen Gladiatoren lassen grüßen. Insofern stellt sich die Frage nach der Beschädigung des Amtes in der Tat, allerdings auch nach der Frage des Verursachers.

Wirtschaftlicher Schaden der „Causa Wulff“

Ebenso bleibt der wirtschaftliche Schaden für die Bundesrepublik zu diskutieren. Wie viele Geschäfte wurden durch die „Causa Wulff“ möglicherweise verhindert? Solange die mediale Gewinnwelle rollt und die Auflagen steigen, bleibt Moral außen vor. Es stellt sich die Frage, wer das Amt des Bundespräsidenten noch ausüben will, wenn er oder sie sich auf eine Rundumrecherche des eigenen Lebens seitens der Medien vorbereiten müssen. Gleiches gilt für nahe Familienangehörige. Moral wird der breiten Bevölkerung von der Bildzeitung scheinbar vorgegeben. Dies gilt auch für die Art und Weise wie ein Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin zu handeln haben. Da passt es nur ins Bild , dass Wulff für Integration und Weltoffenheit steht, während die Bildzeitung offenbar lieber das Bild des bösen Islamisten malen möchte. In jedem Fall haben die Medien und insbesondere die Bildzeitung als vorderster Motor das Amt mehr beschädigt als es der bisherige Amtsinhaber je selbst vermochte. Solange die Binnennachfrage nach Bild und Co. stimmen, ist die Frage nach Moral zu verschmerzen. Vielleicht sollte sich die Bundesversammlung auf den Chefredakteur der Bildzeitung als nächsten Bundespräsidenten einigen? Dann wird die Moral oder das, was dieser dafür hält, zumindest medial konform begleitet.



4 Kommentare zu “Wulff-Rücktritt: Medien als Moralapostel? – Oder kalkulierter Gewinn?”

Kommentieren

Sie müssen eingeloggt sein um zu kommentieren.